Papst Johannes XXIII.
Angelo Guiseppe Roncalli
 
 
25.11.1881  -  3.6.1963

Papst Johannes XXIII.
Der »gute« Papst

Von Heribert Ester

Wer weiß noch, was am 3. Juni 1963 geschah? Übrigens, es war damals der Tag nach dem Pfingstfest. Um es noch etwas spannend zu machen: Gehen wir fünf Jahre zurück in das Jahr 1958. Da starb in Castell d'an Golfo Eugenio Pacelli, der vormals – in der Zeit nach der Machterschleichung durch die Nazis – päpstlicher Nuntius in Deutschland gewesen war und bald darauf zum Papst gewählt wurde. Er nannte sich Pius, und er war der zwölfte mit diesem Namen.

Die Älteren werden ihn noch kennen, wie er sich in seiner Lieblingspose mit ausgebreiteten Armen fotografieren ließ. Man mußte eine Kniebeuge vor ihm machen, sich dann – wenn man überhaupt durfte – tief gebeugt ihm nähern, und mußte – wiederum mit tiefer Verbeugung – rückwärts von ihm weg aus dem Raum gehen. Während all der Jahre seines Papsttums hat er nicht einmal mit anderen zusammen gegessen. Er war wahrscheinlich der letzte Monarch auf dem Stuhl Petri.Ihm folgte ein Bauer, wie die Männer der Kurie damals hinter vorgehaltener Hand sagten. Und das war durchaus abwertend gemeint. Tatsächlich stammte er aus einer bäuerlichen Familie. Angelo Roncalli. Eine Notlösung bei der Papstwahl 1958. Er war bereits 77 Jahre alt, als er am 28. Oktober beim elften Wahlgang gewählt wurde. Er wählte den Namen Johannes. So wurde er der zweite Papst, der diesen Namen mit dem Zählzusatz »der XXIII.« trug. Seit dem Mittelalter schon hatte kein Papst mehr diesen Namen gewählt, weil der erste Johannes XXIII. einer der Gegenpäpste war, der nicht in der legitimen Sukzessiven des heiligen Petrus stand.

Das war ihm nicht wichtig. Sicherlich werden ihm einige aus der Kurie diesen Fauxpas gegönnt haben, er war ja eben ein Bauer, den man von Rom immer möglichst weit weggeschickt hatte. Man schämte sich für seine dickliche Statur und sein manchmal ungewandtes Benehmen.

Dabei hatte er sein Studium doch tatsächlich mit der Doktorwürde abgeschlossen. Als junger Priester war er Sekretär des Bischofs von Bergamo, wurde sogar Professor für Kirchengeschichte. Aber da schaffte er sich schon die ersten Feinde. Und mehr noch, als er nach dem 1. Weltkrieg, wo er als Sanitäter und später als Feldgeistlicher diente, 1921 er an der Neuorganisation der päpstlichen »Kongregation für die Glaubensverbreitung« mitwirkte. Man lobte ihn schließlich 1925 fort, und er wurde Gesandter des Vatikans in Bulgarien, ab 1933 in der Türkei und in Griechenland mit Sitz in Istanbul. Von dort aus half er Juden zur Flucht aus dem von der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg besetzten Ungarn. 1944 wurde er vatikanischer Nuntius in Paris, und 1953 schließlich doch – als späte Anerkennung – zum Kardinal und Patriarchen von Venedig ernannt.Elf Wahlgänge brauchte es, ihn zum Papst zu wählen. Eigentlich sollte der Protegier Pius' XII. zum Papst gewählt werden, Guiovanni Battista Montini, aber der fand damals keine Mehrheit, und so wurde er erst 1963 gewählt und nannte sich Paul VI..

Also brauchte man einen Übergangspapst, jemanden, der nicht mehr lange zu leben hatte, und keinen großen Schaden mehr anrichten konnte. Diesen Übergangspapst fand man im Patriarchen von Venedig.

Tatsächlich würde er nicht mehr lange zu leben haben. 5 Jahre blieben ihm noch als Papst. Aber er war eben ein Bauer, und Bauern lieben es nicht, auf das Altenteil abgeschoben zu werden. Schon drei Monate nach seiner Krönung verkündete er seinen Entschluß, ein Konzil einzuberufen.

Entsetzen machte sich breit. Man spürte, daß man sich geirrt hatte. Dieser Mann würde doch großen Schaden anrichten. Man versuchte ihm diesen Gedanken auszureden. Beim Vatikanischen Konzil zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte man die Unfehlbarkeit des Papstes definiert. Man brauchte doch nun kein Konzil mehr, weil ein Papst doch jetzt alles allein entscheiden konnte.

Wozu also der Aufwand eines Konzils, und das zu einer Zeit, wo es etwa dreimal so viel Bischöfe gab, als 80 Jahre zuvor, und wo auch tatsächlich die meisten würden kommen können, denn es gab ja mittlerweile Flugzeuge.

Als ein besorgter Kurienkardinal noch einmal versuchte, Johannes XXIII. den Gedanken auszureden – »Wozu denn ein Konzil, Euer Heiligkeit?« – ging der Papst zum Fenster, und öffnete es: »Um frischen Wind hereinzulassen!«»Papa Buono« nannten ihn die Römer: den »guten Papst«. »Johnny Walker« nannten ihn die Sicherheitsbeamten des Vatikan, nicht etwa weil er dem Whiskey zugesprochen hätte, sondern weil es ihm immer wieder plötzlich in den Sinn kam, dieses oder jenes Krankenhaus zu besuchen, oder irgend ein Gefängnis. Er ließ den Bahnhof des Vatikan wieder öffnen und fuhr in sein Bistum. Er sprach mit den Gärtnern des Vatikan, die es noch von Pius XII. gewohnt waren, unsichtbar zu werden, wenn der Papst in die Nähe kam.

Er lud seine Mitarbeiter zum Essen ein, und vor allem: er hatte ein offenes Ohr und ein Lächeln für jeden, der zu ihm kam.

Er hat das Fenster der Kirche aufgestoßen. Die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, nannte er das. Und die Aufgabe des Konzils umschrieb er mit dem Begriff »Aggiornamento«, der sich nur schwer in die deutsche Sprache übersetzen läßt, am besten noch mit einem Wort, das es gar nicht gibt: Verheutigung. Es ging ihm darum, daß die Kirche in der Welt von heute zu Hause ist. Nicht also die Welt muß sich auf die Kirche zubewegen.

Ich habe noch diesen Windhauch des Konzils in den Knochen. Es war wie ein neues Pfingsten. Die Tagesschau berichtete damals fast jeden Tag von den Beratungen des Konzils. Die Welt schaute nach Rom. In allen Sprachen wurde berichtet.

Erst heute weiß man, wie sehr die Kurie die Arbeit des Konzils behinderte. Und mit dem Tod Johannes XXIII. war nach dem Kirchenrecht auch das Konzil automatisch beendet. Viele in der Kurie atmeten auf. Doch der Geist von Pfingsten ist wie ein mächtiger Sturm, wie ein Feuer, das sich nicht löschen läßt, wie eine Zunge, die sich nicht verbieten läßt.

Paul VI., der schon 1958 Papst werden sollte, und der selbst vielleicht nie auf diese Idee gekommen wäre, berief das Konzil erneut ein, und gab ihm sogar eine Geschäftsordnung, als er die Behinderungen durch die Kurie entdeckte.

Was ist uns von diesem Geist des Konzils geblieben? Von manchen jüngeren Geistlichen werden die Liturgie in der Muttersprache, der zur Gemeinde gewandte Altar oder die Handkommunion längst schon wieder in Frage gestellt. Komisch! Wie kommt das? Vieles scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Aber vielfach scheinen die Menschen einfach stehengeblieben zu sein.

Und »Menschen ohne Zukunft fallen immer in die Vergangenheit« so lautet eine alte Weisheit.

Immerhin: im Januar 2000 kündigte Papst Johannes Paul II. die Seligsprechung für Johannes XXIII. an, und am 3. September folgte dann tatsächlich die von vielen langersehnte und als längst überfällig erwartete Seligsprechung. Als sein Gedenktag wurde der 11. Oktober festgelegt, der Tag der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils. 

Man könnte meinen, er sei längst vergessen. Aber an seinem Grab hat bis heute der Besucherstrom nicht nachgelassen. So wurde es kürzlich aus einer kleinen Nische der Krypta in in das Innere des Petersdoms verlegt verlegt. Bei dieser Umbettung zeugte sich, daß sein Leichnam nach all den Jahren noch nicht verwest war. 

Pfingstliche und begeisternde Menschen wie Johannes XXIII. haben eben einen besonderen Platz in den Herzen der Menschen und offenbar auch im Herzen Gottes.

Das Beispiel und Wirken dieses Papstes macht immer noch Mut.


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